Mehr Licht
Video in der Kunst
Mehr Licht ist dank einer engen Zusammenarbeit des Aargauer Kunsthauses, des Kunstmuseums Solothurn und Videocompany entstanden. Das Ergebnis: Eine dichte Ausstellung über das Video in der Kunst – und die Kraft der Kooperation.
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Video in der Kunst
31.1. – 25.5.2026, Aargauer Kunsthaus
Alexander Hahn (*1954), The Dead. Taylor Mead, 2013
© 2026, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Mehr Licht heisst die aktuelle Ausstellung im Aargauer Kunsthaus und im Kunstmuseum Solothurn. «Mehr Licht!» soll der 82-jährige Goethe auf seinem Sterbebett gesagt haben. Ob er in seinem verdunkelten Zimmer die letzten Sonnenstrahlen sehen wollte, bevor er die Augen für immer schloss, oder – was uns besonders gefallen würde – der Nachwelt mehr Erhellung wünschte, während er die grosse Erhellung der Aufklärung mit sich ins Grab nahm, die Forschung weiss es nicht. Wir tappen im Dunkeln. Anders die besagte Ausstellung. Sie bringt «Mehr Licht!» und erhellt eine nicht ganz so ausgeleuchtete Ecke: Das Video in der Kunst. Das bewegte Lichtbild steht hier im Rampenlicht, von seinen Anfängen bis heute. Und das gleichzeitig in zwei Häusern, kuratiert von einem sechsköpfigen Team.
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Foto: Luca Klett, Zürich
Angefangen hat alles damit, dass sowohl das Aargauer Kunsthaus als auch das Kunstmuseum Solothurn die Videoarbeiten in ihren Sammlungen aufgearbeitet haben – beide in enger Zusammenarbeit mit der Videocompany in Zofingen, welche jeweils die Technik und die Produktion verantwortet. «Wir kennen beide Häuser gut, können bei beiden auf eine langjährige Zusammenarbeit zurückblicken», so Karin Wegmüller, Geschäftsleiterin von Videocompany und Co-Kuratorin der Ausstellung. Die Unterschiede zwischen den Häusern seien ausgeprägt, angefangen von der Architektur, über die Grösse bis hin zu ihrer Geschichte. Dementsprechend sei für Videocompany die Art der Zusammenarbeit eine jeweils eigene, individuelle.
«Damit die Zusammenarbeit in einem solchen Unterfangen gelingen kann, bedarf es des Willens aller, über ihre strukturellen und anderen Begrenzungen hinweg zusammenzuspannen.»
Karin Wegmüller, Videocompany
Dieser Wille stand von Anfang an ausser jeglichen Zweifels. «Wir von Videocompany bringen einen eigenen Standpunkt mit. Wir orientieren uns an dem, was die Arbeit hergibt, wir kennen die Kunstschaffenden persönlich und denken vom Werk her. Wenn eine Arbeit nicht in die Räumlichkeiten passt, zeigen wir sie nicht», so Karin Wegmüller. «Vielfalt ist für uns die Maxime.» Und besonders sehenswert? «Das Zusammenwirken der verschiedenen Arbeiten. Dieter Roth beispielsweise mit Nam June Paik. Zu beiden habe ich eine starke Beziehung, sie zusammen in einer Ausstellung zu sehen, ist in meinen Augen einmalig.» Viele ausgestellte Werke kenne sie seit der Entstehung, mit all ihren Besonderheiten und Herausforderungen.
«Wenn ich auf die Ausstellung schaue, so schaue ich auch auf meine eigene Geschichte zurück.»
Karin Wegmüller, Videocompany
Diese begann vor rund 40 Jahren, als Karin Wegmüller und Aufdi Aufdermauer begannen, für Kunstschaffende wie Rémy Zaugg, Dieter Meier, Roman Signer, Pipilotti Rist Videoproduktionen umzusetzen. Genau darin, in der praktischen Nähe zur Entstehung der Werke, sieht Co-Kuratorin Tessa Prati, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Aargauer Kunsthaus, eine grosse Chance. «Dank der fundierten Kenntnisse von Videocompany war es möglich, Werke für die Ausstellung im Sinne der Kunstschaffenden neu aufzusetzen», sagt sie. Babette, zum Beispiel. Die Arbeit von Fränzi Madörin (*1963), Muda Mathis (*1959), Sus Zwick (*1950), entstanden 1996, ist eine, die unvergessen bleibt. Der mantrische Gesang «Où est Babette» scheint kein Ende zu nehmen, er hallt auch Tage später nach. Die Frau selbst ist das Thema, ihre Rolle, sozial gesehen. Auf den Bildschirmen drehen sich Kaffeetassen, aufgeschlagene Eier, Brotkrume. Alles dreht. Dreht sich um das Frühstück. Als Beispiel, natürlich, im Sinne von pars pro toto. Die Übergänge der Sequenzen sind sanft. Alles andere als sanft aber sind die Szenen, die folgen. Frauen, nackt, keifen und kreischen auf neun Bildschirmen in die vor ihnen auf dem Boden liegende Kamera. Wir sehen sie von unten, als wären sie in einem Käfig, als wollten sie ausbrechen, Raubtiere hinter Gittern. Dann flackern Flammen auf, Glut, gleissend. Hexentanz? Erneut sehen wir die Frauen, diesmal angezogen. Und irgendwann, nach verschwommenen Naturaufnahmen, Leere. Die Frau ist verschwunden, hat sich aufgelöst. Was bleibt: Stimmen, die im Singsang fragen: Wo bleibt Babette?
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Video in der Kunst
31.1. – 25.5.2026, Aargauer Kunsthaus
Fränzi Madörin (*1963), Muda Mathis (*1959) und Sus Zwick (*1950), Babette, 1996
Foto: ullmann.photography
«Eine Kooperation ermöglicht eine andere Art von Vertiefung. Es braucht die konstruktive Diskussion. Schliesslich heisst mehr Köpfe auch mehr Ideen.»
Tessa Prati, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Aargauer Kunsthaus
Welche Entdeckung hat sie gemacht, während der Vorbereitungen? «Die Technik hinter den Videos. Täglich sind wir mit Videos konfrontiert. Doch was hinter einem Kunstwerk steht, ist so viel mehr, als man erahnen kann.» Das Video eröffne viele Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks, die sich in der Geschichte des Mediums stets weiterentwickelt haben. «Die Selbstinszenierung ist ein starkes Element in der Videokunst, auch die Inszenierung des Körpers. Zeitlichkeit spielt eine grosse Rolle – und dann kommt das Element der Räumlichkeit hinzu, bei dem das Publikum ein Teil davon ist», so Prati.
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Video in der Kunst
31.1. – 25.5.2026, Aargauer Kunsthaus
Emmanuelle Antille, Angels Camp – First Songs, 2003/2004
Foto: ullmann.photography
Sichtbar wird das in der Ausstellung an einigen Beispielen, eines sei hier genannt: Angels Camp von Emmanuelle Antille (*1972), das 2003 im Schweizer Pavillon der Biennale in Venedig gezeigt wurde. Raumfüllend, ja monumental präsentiert es sich auf vier grossen Projektionsflächen. Wir beobachten, warten darauf, dass uns die Bilder mitnehmen in die Geschichte. Mit den Bildern beginnen auch wir uns zu bewegen. Stehenbleiben ist keine Option. Wir gehen zwischen den Projektionsflächen hindurch, schauen gebannt darauf und auch dahinter, suchen mit dem Blick die Geschichte zusammenzusetzen, die sich hier in Stücken und in verschiedenen Erzählsträngen entwickelt. Die einzige Konstante dabei: «Angels Camp», ein Leuchtkasten mit pinkfarbener Schrift. Irgendwann erkennen wir, dass wir die Bilder bereits gesehen haben, leicht bedrückt verlassen wir den Raum. Die immersive Situation hat unsere Wahrnehmung verändert. Ein bisschen Innehalten würde den einen oder anderen Betrachtenden nun gut tun. Wir realisieren, Video ist nicht nur ein visuelles Medium, es bedient neben dem Auge auch das Gehör, vermag uns gänzlich zu vereinnahmen, zu beanspruchen.
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Video in der Kunst
18.1.–17.5.26, Kunstmuseum Solothurn
collectif_fact (Annelore Schneider (*1979) & Claude Piguet (*1977), White Shadow, 2021
Foto: Sebastian Verdon
Die Ausstellung ist reichhaltig, dicht. Und sie zeigt – vielleicht sogar auf einmalige Weise – die Entwicklung eines Mediums vor dem Hintergrund der technischen Möglichkeiten. Aufdi Aufdermauer, Co-Kurator und Co-Gründer von Videocompany, war dies wichtig, genauso wie die partizipative Arbeitsweise. «Wir haben die Ausstellung in beiden Häusern bewusst gemeinsam kuratiert und wir haben die Entscheidungen auch gemeinsam gefällt.» Dass das aufwändig ist und Auseinandersetzung braucht, ist klar. Der Mehrwert?
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Video in der Kunst
31.1. – 25.5.2026, Aargauer Kunsthaus
Remi Zaugg (1943–2005), 8 Stunden weiss, 1988
Foto: ullmann.photography
«Als Kooperation können wir deutlich mehr zeigen. Ausführlicher. Und vieles ins Licht holen, was sonst im Verborgenen bliebe.»
Aufdi Aufdermauer, Videocompany
Vielleicht sogar seien Werke darunter, die man in der Ausstellung ein letztes Mal sehen könne – unter anderem weil sich die Technik so rasch weiterentwickelt. Aufdi Aufdermauer weiss, wovon er spricht. Bereits heute stellen manche Werke für die Ausstellenden eine technische Herausforderung dar. Videocompany ist dafür ausgerüstet und hat das Know-How.
«Im Ganzen widerspiegelt die Ausstellung eine Zeit, sie zeigt auf, was in der Videokunst schweizweit geschehen ist. Man wird Dinge entdecken, die man nicht kannte oder neu sieht. Wer sass schon mal auf dem grossen Sofa aus Pipilotti Rists (*1962) Das Zimmer? Das ist nun in Solothurn möglich.» Aufdi Aufdermauer mag es, das Inseldenken aufzubrechen und Brücken zu schlagen. So war er eine treibende Kraft für die Kollaboration der beiden Institutionen, die nur rund 50 Kilometer entfernt sind. Natürlich war eines der Ziele auch, die Reichweite zu erhöhen und ein grösseres Publikum zu erreichen. Dass in beiden Häusern nun Werke der jeweilig anderen Sammlung zu sehen sind, ist kein Zufall.
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Video in der Kunst
18.1.–17.5.26, Kunstmuseum Solothurn
Foto: Sebastian Verdon
«Wir wollten gemeinsam Möglichkeitsräume schaffen, in denen auch der Wandel des Mediums sichtbar wird, sei es mit Werken aus den eigenen Sammlungen oder mit Leihgaben aus erster Hand von den Kunstschaffenden selbst sowie aus öffentlichen und privaten Sammlungen.»
Katrin Steffen, Direktorin Kunstmuseum Solothurn
«Jede Ausstellung funktioniert für sich. Besucht man aber beide, wird man Bezüge und feine Verbindungen erkennen. Als würden sich die Werke zurufen, werden die beiden Häuser zum Echoraum des jeweils anderen», sagt Katrin Steffen, Direktorin Kunstmuseum Solothurn und Co-Kuratorin. Beispielsweise ist in Solothurn nicht nur eines der ersten Werke von Dieter Roth zu sehen, sondern auch sein letztes – während in Aarau mit A Diary ein äusserst prominentes installiert ist: Roth hat es 1982 für den Schweizer Pavillon auf der Biennale in Venedig geschaffen. Nam June Paik (1932–2006) macht als Schlüsselfigur der internationalen Videokunst in beiden Häusern den Auftakt.
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Video in der Kunst
18.1.–17.5.26, Kunstmuseum Solothurn
Dieter Roth (1930-1998), Solo Szenen, 1997-1998
Foto: Sebastian Verdon
«Die Bewahrung von Medienkunstwerken bedeutet für die Institutionen eine besondere Herausforderung, die wir nur Dank der Zusammenarbeit mit Videocompany bewältigen können. Allein könnten wir das gar nicht gewährleisten.»
Katrin Steffen, Direktorin Kunstmuseum Solothurn
Das Gleiche gilt für die Ausstellung, die ihre Dichte und Qualität der Zusammenarbeit aller Beteiligten verdankt. «Die Kooperation war geprägt von einer aussergewöhnlichen Offenheit und einem echten Gemeinsinn», sagt Tuula Rasmussen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunstmuseum Solothurn und Co-Kuratorin. Und weiter:
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Video in der Kunst
18.1.–17.5.26, Kunstmuseum Solothurn
Foto: Sebastian Verdon
«Im kuratorischen Prozess flossen unterschiedliche Expertisen zusammen. Darin lag das grosse Potenzial.»
Tuula Rasmussen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunstmuseum Solothurn
«Unglaublich erfreut» ist auch Simona Ciuccio, Leiterin Sammlung & Ausstellungen Aargauer Kunsthaus, stellvertretende Direktorin und Co-Kuratorin, über Zusammenarbeit im Kurations-Team.
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Video in der Kunst
31.1. – 25.5.2026, Aargauer Kunsthaus
Zilla Leutenegger (*1968), Library, 2007
Foto: ullmann.photography
«Dass sich Museen nicht als Konkurrenz sehen, ist bemerkenswert.»
Simona Ciuccio, Leiterin Sammlung + Ausstellungen Aargauer Kunsthaus
Das aller, diese Fülle zeigen zu wollen, hat schliesslich das gemeinsame Vorhaben zum Erfolg geführt. «Natürlich war es etwas sonderbar, in Solothurn die Ausstellung mitzueröffnen, während wir mitten im Aufbau steckten», gibt sie preis. Dennoch war die gestaffelte Eröffnung, die in Solothurn am Wochenende vor den Filmtagen stattfand, eine richtige Entscheidung. Zwischen der Videokunst und dem Film verläuft die Grenze fliessend.
Ob Goethe nun jemals «Mehr Licht!» gerufen hat, ist sekundär. Ob aber der Titel der Ausstellung die doppelte Bedeutung mit meint, dass die Videokunst im Untergang begriffen ist, bleibt offen. Wäre es so, so käme die Ausstellung einem fulminanten Schlusspunkt einer kurzen, aber bewegten Ära gleich.
Text: Vanessa Simili