Miteinander nebeneinander
Die 1970er und Aarau
Ein breites Panorama statt Nabelschau: die Ausstellung Miteinander nebeneinander. Die 1970er und Aarau öffnet den Blick auf die künstlerische Vielfalt eines Jahrzehnts.
Von Dora Imhof
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Die 1970er und Aarau
12.6.–6.9.2026, Aargauer Kunsthaus
Markus Müller, Bolide, 1968
Markus Müller, Fulvia, 1968
Markus Müller, Blumenstrauss, 1970
Foto: ullmann.photography
Das Neue braucht einen Ort – zum Beispiel: eine alte Fabrik. Ende der 1960er-Jahre stiess der Künstler Christian Rothacher auf frühere Fabrikräumlichkeiten am Ziegelrain 29 in Aarau. Zusammen mit seinen Kollegen Markus Müller, Max Matter, Heiner Kielholz und Hugo Suter fanden sie dort Räume für Experimente und Austausch. «In Aarau waren die Türen immer geöffnet», sagte der Künstler Hugo Suter in einem Interview. Die Ateliergemeinschaft war jedoch kein Kollektiv, es waren Individualisten mit verschiedenen künstlerischen Interessen, die im Ziegelrain zusammenfanden. Dies zeigt die Ausstellung mit dem treffenden Titel Miteinander nebeneinander deutlich. Von Markus Müller sind hier in grossen Gemälden mit sehr eigenständigen Interpretationen der Pop Art zu sehen: abstrahierte Boliden oder ein Blumenstrauss in einer Vase, der durch seine riesige Dimension und die entindividualisierte Malweise fremd und künstlich wirkt. Max Matter beschäftigte sich malerisch mit Schweizklischees wie Einfamilien-«Hüsli» und alpinen Postkartenidyllen. Hugo Suter machte das Kleine gross und schuf humorvolle Architekturobjekte aus Backsteinen. Der früh verstorbene Rothacher fand von der Pop Art zu vieldeutigen poetischen Objekten wie dem Kieferfund oder Wolke schlägt Wurzeln (beide 1975), die er zum Teil aus Alltagsmaterialien schuf.
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Die 1970er und Aarau
12.6.–6.9.2026, Aargauer Kunsthaus
Foto: ullmann.photography
Ihre Ateliergemeinschaft hatte auch den positiven Nebeneffekt, dass die Aargauer stärker wahrgenommen wurden als als Einzelkünstler. Und der Ziegelrain wurde ein Anziehungspunkt für Künstler von ausserhalb wie der Zentralschweizer Josef Herzog, der dort zeitweise ein Atelier hatte und von dem hier beeindruckende Aquarelle zu sehen sind. Auch Besucher auf der Durchreise kamen immer wieder vorbei. Im Forschungsprojekt Kristallisationsorte der Kunst in der Schweiz (Hochschule Luzern, 2011/12), aus dem das obige Zitat stammt, haben wir uns gefragt, warum in den 1970er-Jahren ausgerechnet kleinere Städte wie Aarau oder Luzern besonders rege Kunstszenen aufwiesen und grosse Strahlkraft besassen, die Kunstschaffende und Kunstinteressierte aus der ganzen Schweiz anzogen. Neben den Kunstschaffenden und ihren Ateliers waren auch Institutionen, die offen für Neues waren, zentral. Mit Heiny Widmer besass das Aargauer Kunsthaus damals einen Direktor, der die lokale Kunstszene förderte und in seinem Haus innovative Ausstellungen organisierte. Schon 1973 zeigte er eine Ausstellung der Künstlerin und Heilerin Emma Kunz oder 1976 Outsider-Kunst.
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Die 1970er und Aarau
12.6.–6.9.2026, Aargauer Kunsthaus
Balthasar Burkhard (1944-2010), Markus Raetz (1941-2020), Jean-Frédéric Schnyder (*1945), Harald Szeemann (1933-2005), Live in Your Head – When Attitudes Become Form, 1970
© 2026, ProLitteris, Zürich
Foto: ullmann.photography
Es ist ein geschickter Schachzug von Miteinander nebeneinander, keinen Lokalpatriotismus zu betreiben. Neben Aarau erweitert die Ausstellung den Blick auf die verschiedenen damaligen Schweizer Kunstszenen, auf die vielen Verbindungen zwischen ihnen und zugleich die unglaubliche Vielfalt an verhandelten Themen und verwendeten Medien in der Kunst der 1970er-Jahre. Nun wird alles möglich: Malerei ist konzeptuell streng, expressiv-gestisch oder geometrisch. Skulptur ist minimalistisch reduziert wie bei Vaclav Pozarek oder ein raumfüllender Latexabzug wie bei Heidi Bucher. Fotografie wird auf verschiedenste Weisen künstlerisch fruchtbar gemacht, wie das eindrückliche Triptychon eines Mähdreschers in Aktion – Arbeit (1978) – von Hannah Villinger, ein frühreifer Starschnitt (1974) der damals 19-jährigen Künstlerin und Musikerin Klaudia Schifferle oder die Fetischfotos (1973-1974) von Balthasar Burkhard und Manon zeigen. Und immer wieder: Humor, Ironie, spielerische Leichtigkeit wie in den Sketches (1970) von David Weiss, Urs Lüthi und Willy Spiller oder den bunten Zinnfiguren (1976-1977) von Jean-Frédéric Schnyder. Und allein schon das Musée de Ben von Ben Vautier ist als Museum im Museum eine Reise nach Aarau wert.
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Fotografie, Bleistift auf Papier, 42 x 29.7 cm
Mit Genehmigung der Künstlerin
© 2026, ProLitteris, Zürich
Foto: Klaudia Schifferle
Dora Imhof ist Kunsthistorikerin. Zu ihren jüngeren Publikationen zählen C is for Curator. Bice Curiger – Eine Arbeitsbiografie (Köln, 2022) und Ein Jahr und ein Tag. Leonore Mau and Haiti (herausgeben mit Gina Athena Ulysse und U5), erschienen anlässlich der von ihr mitkuratierten Ausstellung Out of Focus. Leonore Mau und Haiti im Lenbachhaus München 2025.