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Anna Iduna Zehnder, Selbstporträt, 1917
Öl auf Leinwand, 45 x 35 cm
Aargauer Kunsthaus / Ankauf, 2013
Copyright: Museo Cantonale d'Arte Moderna, Ascona
Fotocredit: Brigitt Lattmann

2013 leistete das Aargauer Kunsthaus mit der Ausstellung „Anna Iduna Zehnder – Eine Aargauer Künstlerin in Ascona“ einen entscheidenden Beitrag zur Sichtbarmachung des bis dahin wenig bekannten Schaffens der Ärztin und Künstlerin Anna Iduna Zehnder (1877 – 1955). In Birmenstorf (AG) geboren, wächst Zehnder – die mit fünf Jahren beide Eltern an Tuberkulose verliert – auf dem Landgut ihrer Grosseltern auf. Später wohnt sie bei ihrem Grossonkel in Aarau. Nach der Bezirksschule und dem Lehrerseminar beginnt sie ein Studium als Ärztin, das sie nach mehreren krankheitsbedingten Unterbrüchen mit 36 Jahren abschliesst. Sie zählt zu den wenigen Frauen, die in dieser Zeit über einen Medizinabschluss verfügen. Vier Jahre später wird sie die erste Assistenzärztin in der chirurgischen Abteilung im Spital Zug. Da man ihr dort aufgrund ihres labilen Gesundheitszustandes von einer vollzeitlichen Arbeit abrät, siedelt sie 1918 nach Ascona um.

Im Tessin wendet sie sich neben ihrer Arbeit als Ärztin ihrer zweiten Leidenschaft – der Malerei – zu. Praktische Einführung in die Techniken der Malerei erhält sie vom bekannten rumänischen Maler Arthur Segal (1875 – 1944). Mitunter lehrt sie Segal im pointilistischen Umgang mit Pinsel und Farbe. Dass sie die avantgardistische, fleckige Malweise beherrscht, zeigt sich in an dem frühen „Selbstporträt“ von 1917. Das Bildnis zeichnet sich durch einen virtuosen Umgang mit hellen und dunklen Farbtönen aus. Während die eine Gesichtshälfte ganz in Schatten liegt, erscheint die andere im Licht und die Wangen glühen. Die Mimik verrät Zurückhaltung und zeitgleich Präsenz und Stärke.

Leuchtende Farben werden zu einem wichtigen Merkmal von Zehnders Malerei. Der Pointilismus scheint aber nur in wenigen frühen Bildern auf. Danach wird die Pinselführung freier und kraftvoller. Stilistisch lassen sich Parallelen zu internationalen Künstlerpersönlichkeiten wie Alexej von Jawlenski (1864 – 1941) oder Marianne von Werefkin (1860 – 1938) ausmachen, mit denen sie befreundet war. Als künstlerisch und lebensphilosophisch vielinteressierte Frau stand sie denn auch der kulturell aktiven und naturverbundenen Gemeinschaft am Monté Verità nahe. Zehnders Bezug zur Natur, aber auch zu geistigen, religiösen und okkulten Themen spiegelt sich in Zehnders Motivik wider.

„Hätte Sie den Gang in die Kunstöffentlichkeit gesucht“, so hätte sie „mit Bestimmtheit auch Interessenten gefunden“, die „ihr Ausstellungsmöglichkeiten eröffnet hätten“ – da ist sich ehemaliger Kurator des Aargauer Kunsthauses, Thomas Schmutz, sicher. Diese Öffentlichkeit hat Zehnder aber nie gesucht. Durch ihrer Bekanntschaft mit Rudolf Steiner im Bereich der Heileurythmie, war sie im Umfeld der Anthroposophen bekannt und als Künstlerin geschätzt. Selten gab sie ein Bild an eine lokale Ausstellung, häufiger an Freunde, wo sie sich mit der Aufarbeitung ihres Nachlasses nach ihrem Tod 1955 vorwiegend wiederfanden.

Julia Schallberger, 2025

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