Fotografie, C-Print, 145 x 180 cm
Teresa Hubbard (*1965) und Alexander Birchler (*1962) lernen sich 1989 in Kanada bei einem Artist-in-Residence-Programm am Banff Centre for the Arts kennen. Am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax erwerben sie anschliessend gemeinsam ihren Master in Bildender Kunst. Ihr Teamwork fortsetzend, finden sie rasch zu einer Praxis, die ihre bisher grundverschiedenen Sichtweisen auf den künstlerischen Produktionsprozess in einem kritischen Reflektieren kombiniert. Dabei rückt zunächst der Präsentationsrahmen, dann die allgemeinere Frage nach der Konstruktion und Wahrnehmung räumlicher Situationen in den Mittelpunkt ihres Interesses. Kulissenhaft Arrangiertes und bühnenartige Schau- oder Handlungsräume prägen ihr Schaffen ab diesem Moment und schliesslich filmische Sets.
Die Werkgruppe „Gregor’s Room I–III“ von 1998/99, die für das Kunsthaus im Jahr 2000 zeitnah und vollständig hat angekauft werden können, markiert auf diesem Weg einen entscheidenden Schritt. Hubbard/Birchler beziehen sich darin auf den literarischen Klassiker „Die Verwandlung“, verfasst von Franz Kafka 1912. Dafür haben sie mitten in ihrem damaligen Atelier in Berlin das Zimmer des Protagonisten Gregor Samsa – „ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer“ – freistehend nachgebaut. Bett, Sessel, Kasten, Blumentapete sowie das Foto einer vornehm gekleideten Dame an der Wand bilden auch im Bezugstext wichtige Teile des Mobiliars. Andere Dinge wie das Radio, die Aktenmappe oder das Taschentuch sind offensichtlich freiere Verweise auf die Rolle der Musik, Gregors bisherige Arbeit und womöglich das Leintuch, unter dem sich er als Insekt eine Zeit lang rücksichtsvoll verbirgt. Tisch und Teppich sowie erstaunlicherweise auch das Sofa wurden weggelassen. Unverzichtbar hingegen war das Festhalten am eigenartigen Grund- und Aufriss des Zimmers mit den drei Türen und einem ausblickarmen Fenster. Kafka diente das Dispositiv als Folie, um über Gregors hochpräzises Sensorium die Handlung voranzutreiben. Hubbard/Birchler erschliessen es sich aus wechselnden Perspektiven und machen es so zur Essenz ihres Nachdenkens über die aktive Rolle eines jeden Raums.
Im ersten Teil der Trilogie untersucht das Künstlerpaar diese Einflusssphäre anhand einer achtteiligen Folge von C-Prints. Zusammengestellt zu vier Diptychen, zeigen die beinahe lebensgross abgezogenen Querformate alle dasselbe Interieur und denselben, einfach nur ruhig dasitzenden oder still agierenden Mann. Aufgenommen sind die vier Doppelszenen so, dass wir im gleichen Raum zu sein glauben. Die vierte Wand, wie die unsichtbare Schranke zwischen Bühne und Zuschauerrängen fachsprachlich heisst, ist gefallen. Fast möchte man mit der Figur in Austausch treten. Doch auch in den schräg von vorn eingefangenen Szenen – je eine pro Bildpaar – ist der Mann immer konzentriert bei sich. Gekonnt loten Hubbard/Birchler so beidseits Gefühlslagen aus: Beim Protagonisten scheint sich ein schicksalergebenes Akzeptieren der Lage mit zögerlichem Abwägen von Handlungsoptionen und kurzen forensischen Intermezzi abzuwechseln, ohne dass eine fixe zeitliche oder erzählerische Logik besteht. Selbst innerhalb der Diptychen kommt es zu Brüchen, die dazu einladen, die Szenen genau zu analysieren, so zum Beispiel beim eigentlich unzugänglichen Standort hinter dem Bett oder beim Lampenkabel der Sesselszene, das nur aus einem der beiden Blickwinkel auszumachen ist. Jede Aufnahme offenbart sich damit als sorgfältig separat inszeniert, als „staged“. Betrachterseitig hingegen erzeugt die Bildstrecke ohne Wissen um die literarische Quelle ein Gefühl von Rätselhaftigkeit. Trotz der Nähe, welche die Innenaufnahmen vermitteln, bleibt das Geschehen hermetisch. In den Fokus schiebt sich dafür die bleierne, über die Lichtregie gezielt herbeigeführte nächtliche Stimmung. Statt die Bühnenadaption eines literarischen Stoffes sein zu wollen, sondiert der erste Akt der Trilogie somit primär, auf welche Weise die Rezeption der Inhalte über die Inszenierung emotional gelenkt werden kann. Die psychologisch dichte Vorlage Kafkas findet so im Setting von Hubbard/Birchler ihre perfekte Entsprechung.
Astrid Näff, 2026