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Valentin Hauri, The Vision, 2021
Öl auf Leinwand, 50 x 45 x 2 cm
Aargauer Kunsthaus / Ankauf
Fotocredit: Flurin Bertschinger, Zürich

«die ursprüngliche Bildquelle verstehe ich als eine Art Anker, der zwar nicht sichtbar, aber für das Festsetzen des Bootes unbedingt nötig ist … und entsprechend gut ausgeworfen werden soll.», schreibt Valentin Hauri (* 1954) über seine künstlerische Praxis. Ursprünge, das heisst Anfänge scheinen für den Künstler also zentral. Seit seiner «ersten Begegnung» im Jahr 1990 komme er denn auch immer wieder auf das umfangreiche Werk von Henry Darger (1892–1973) aus Texten, Collagen und Zeichnungen als einen einmal «ausgeworfenen Anker» zurück. Und zwar indem Hauri dessen Kopierverfahren aufgreift: ein ständiges Skizzieren und Neudefinieren von einzelnen Bildausschnitten, die aus Dargers Bildwelt stammen.

So auch in Hauris Werkserie «An Objective Tragedy», die aus vier Ölmalereien mit je eigenem Titel besteht. Dergestalt mag es wenig erstaunen, dass das Zeichnungsheft, das diese Arbeit begleitet, auf der ersten Seite mit Hauris eigenem Geburtsdatum, dem «12.11.1954», und der Widmung «to Henry Darger» beginnt. Das zeichnerische Skizzenheft «MY BIRTHDAY» stellt also den Ursprung von Hauris Lebensgeschichte sowie denjenigen seiner Kunst an den Anfang. Und: dass er dafür das Medium der Zeichnung wählt, mag ebenso wenig erstaunen. In der westlichen Kunstgeschichtsschreibung nämlich gilt die Zeichnung, die grafische Markierung, seit der Antike als Anfang und Bestimmung der Kunst. Und später wurde ihr über den neuzeitlichen Begriff des «disegnos» eine intellektuelle Grundlage gegeben, indem die handwerkliche mit einer geistigen Tätigkeit verbunden wurde: Die Zeichnung verhelfe der Idee zu ihrer Sichtbarkeit.

Eine Idee respektive ein konzeptionelles Fundament trägt auch Hauris Werkserie «An Objective Tragedy». Die vier Ölmalereien basieren auf dem vorgegebenen Seitenverhältnis 9:10, Hoch- oder Querformat, das motivisch mit einer formalen Strenge einhergeht. Die augenfällige Rastereinteilung von «The Underground Tunnel», so einer der vier Werktitel, scheint sich denn auch von diesem Verhältnis und damit wortwörtlich von den eigenen Rahmenbedingungen abzuleiten. Ebenso das Gitterfenster in der ersten Arbeit der Serie, in «Locked away at Ward», worin ebendiese Rahmenbedingungen auch als gemalter Rahmen manifest werden. Und in diesem Rahmen erblicken wir zugleich das kühle Weiss eines Gefängnisses mit einem einzigen Gitterfenster wie auch das reine Weiss einer Bettenstation mit einem einzigen orangefarbenen Kissen. Und beides aufgetragen auf einer weissgrundierten Leinwand mit dem Seitenverhältnis 10:9. Trotz dieser formalen Strenge aber gehe es ihm, Hauri, um eine «malerische Empfindung», die «Tiefe» in sich trage, auch «ohne ausufernde Malgesten». «An Objektive Tragedy» sei schliesslich ein subjektiver Blick auf einen anderen, stark intuitiv arbeitenden Künstler, ein «Zwiegespräch» mit Darger. Wichtig ist Hauri demnach auch die sinnliche und materielle Qualität seiner Malereien, sodass im Rot des unterirdischen Tunnels die zeichnerische Linie weder ein Primat gegenüber der Farbe darstellt noch in Opposition zur Fläche tritt.
Gleichzeitig erlaubt es die Mehrteiligkeit der Serie analog zum Zeichnungsheft «MY BIRTHDAY, mehrere Motive, oder besser gesagt Orte, zu einer story-line zu verbinden. Allein der Werktitel des Gemäldes «Again Escape!» stellt eine Verknüpfung her, die auf ein vorher verweist: Erneute Flucht! Flüchten also wie es Jennie Richee und ihre Gefährtinnen in Dargers 15‘000 Seiten umfassender Erzählung «The Realms of the Unreal» tun: ein illustriertes Epos über «gewaltige Schlachten, grosse Brände, schreckliche Tragödien, Abenteuer von Heldinnen und Helden», so der Erzähler selbst, die allesamt in – gezeichneten und aquarellierten – surrealen Landschaften spielen. Die Werktitel von Hauris «Tragödie» dagegen benennen zwei reale Orte: einen Tunnel sowie eine Krankenstation, die gleichzeitig Gefängnis sei: «Locked away at Ward». Ob dies eine Anspielung auf Dargers Leben und Arbeiten in Isoliertheit, fernab von traditionellen Orten der Kunstausbildung, -produktion und -ausstellung ist, und damit eine Umkehrung vom bis heute so bezeichneten ‹Outsider› zum ‹Insider›?

Noemi Scherrer, 2026

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