Ölwachsfarbe auf Leinwand, 200 x 114 cm
Der national bekannte Künstler Stefan Gritsch ist 1951 in Bern geboren und aufgewachsen. Heute lebt und arbeitet er in Lenzburg. In der Sammlung des Aargauer Kunsthauses finden sich Werke aus nahezu allen Schaffensphasen. Charakteristisch für sein Werk ist die Beschäftigung mit der Farbe als Material. Fasziniert vom Phänomen Haut, legt er die Farben Schicht um Schicht wie Häute auf die Leinwand, wodurch das Bild zum Körper wird. Dieses Werkverständnis wird bereits Ende der 1970er Jahre in Zeichnungen manifest, deren Motive veristisch dargestellte Häute sind.
Mitte der 1990er-Jahren entfernt sich Gritsch immer mehr vom klassischen Leinwandbild. Unter anderem beginnt er damit, Leinwände mit farbigen Fäden zu weben, wodurch die Illusion bemalter Leinwände imitiert wird. Auch nutzt er die Bildrückseiten als Behältnis, indem er diese mit Bronze ausgiesst oder sie explizit als Gussform für seine aus Acrylfarbe gefestigten Farbblöcke nutzt. Dies führt dazu, dass er die Farbe immer stärker von ihrem Träger löst: Er giesst sie in selbstgebaute Hohlformen, rollt, formt, schneidet und kittet sie neu zusammen und lässt sie damit zum autonomen Baumaterial werden.
In dieser Zeit zählt das vorliegende Werk Ohne Titel (1993) zu den immer rarer werdenden „klassischen“ Leinwandbildern. Die Leinwand ist hier nach wie vor Trägermedium. Der durchschimmernde Farbauftrag sorgt aber dafür, dass die Textur des Gewebes sichtbar wird und die Leinwand mit ihren Kettfäden (Längsfäden) und Schussfäden (Querfäden) zu einem entscheidenden Faktor für die Gesamtwahrnehmung des Werks wird. Vor unseren Augen beginnt das Farbgewebe regelrecht zu flirren. Durch das dünne Auftragen orthogonalen Schichten der Grundfarben Rot, Gelb und Blau sind zahlreiche Mischtöne wie Hellgrün, Violett bis hin zu Rost- und Brauntönen entstanden. Der Wachsanteil in der Farbe sorgt dafür, dass dieselben gedämpft wirken, während der Öl-Anteil dem Absorbieren des einfallenden Lichts dient. Wie ein Herbsthimmel breitet sich der Farbteppich über die ganze Leinwand aus, ohne durch formgebende Pinselstriche unterbrochen oder begrenzt zu werden. Der gleichmässige Farbverlauf liesse sich – wären da nicht die Ränder der Leinwand – endlos weiterdenken.
Julia Schallberger, 2025