Acryl auf Papier, 25 x 32.3 cm
Monika Dillier (*1947 Sarnen, OW) sucht für ihre Themen und Konzepte nach dem jeweils passendsten Medium – dies kann sowohl die Zeichnung, wie auch die Malerei, das Aquarell oder auch die Installation sein. Nach ihrer Ausbildung zur Zeichnungslehrerin studiert sie an der Hochschule der Künste in Berlin, wo sie von der politisch-feministischen Aufbruchstimmung der 1970er beeinflusst wird. Zurück in der Schweiz bewegt sie sich in feministisch aktiven Kulturkreisen. So organisiert sie etwa 1979 die „Frauenkulturwoche“ im Basler Stadttheater oder partizipiert 1981 mit ähnlich gesinnten Künstlerinnen wie Miriam Cahn (*1949) oder Anna Wiesendanger (*1952) an einer Ausstellung im Basler „Frauenzimmer“ zum Thema „Frauen, Körper, Pornografie“.
Thematisch kreisen ihre Werke der 1980er-Jahre um gesellschaftliche Rollenbilder und deren bewusste Dekonstruktion, um Körperlichkeit, Sexualität sowie die Beziehung zwischen Natur und Technik. Ihr Zeichenstil orientiert sich am gestisch-expressiven Ausdruck der „Neuen Wilden“. Dicke, oft schwarze Pinselstriche in Acryl umreissen figurative Szenen, in denen einzelne Flächen und Elemente farbig hervorgehoben werden. In dieser Zeit entstehen viele Grossformate. Auch fügen sich die Werke häufig medienübergreifend zu thematischen Gruppen oder Serien zusammen.
Aus dieser Zeit stammen auch die vom Aargauer Kunsthaus angekauften acht Blätter (1983/84). Sie sind Teil der Werkgruppe „SUPERMUTTER“ und sollen gemäss der Künstlerin nicht einzeln, sondern mindestens als Vierergruppen gezeigt werden. Erst im Zusammenspiel ergibt sich das Bild der „Supermutter“, die in verschiedenen Rollen gleichzeitig auftritt. Wir sehen die Frau beim nächtlichen Stillen und Beruhigen des Kindes, während ihr eigenes Bett leer bleibt. Andernorts erscheinen Frauen in gebärenden wie auch sexuell begehrenden Posen. Eine räkelt sich auf einer Art Bühne, Bett oder Tisch – umgeben von Kameras und Bildschirmen mit Bildern von Brüsten. Die nackten Körper werden von schwarzen Linien umrissen, während Lippen und Genitalien rot aufleuchten. Räumlich bewegt sich die Frau zwischen Bett, Kinderzimmer, Esstisch und Fernseher. Eine Ausnahme bildet eine Komposition, in der zwei Frauen einen hohen Turm erklimmen – womöglich eine Metapher dafür, dass eine „Supermutter“ jedes Hindernis überwindet, um den privaten und gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden? Indem Dillier die Figur stark überzeichnet und stets dynamisch zeigt, wirft sie einen ironischen Blick auf das gesellschaftlich etablierte, vermeintliche Idealbild einer „perfekten Mutter.“
Diese gestische, konfrontative Bildsprache ist charakteristisch für den Zeitgeist und ihr Frühwerk. So findet sie denn in den 1990er- und 2000er-Jahren zu einer leiseren, lichteren, weniger gegenständlichen Bildsprache, die in ihren feministischen Aussagen subtiler und offener ist.
Julia Schallberger, 2026