Videoinstallation, Masse variabel
2007 ist Zilla Leutenegger (*1968) eingeladen, ihr zwischen sparsamer Zeichnung und stimmungsvoller Videoinstallation oszillierendes Schaffen im Center for Contemporary Art in Tel Aviv zu zeigen. Über den Titel der Schau spricht sie bei dieser Gelegenheit sozusagen selbst eine Einladung aus: «Meet Me in the Library (9 p.m.)». Im Museum ist sie dann tatsächlich da und dort anzutreffen: vor einem Plattenspieler am Küchentisch sitzend, am Fuss einer Treppe kauernd und auch, wie angekündet, im erstmals präsentierten Leseraum. Wie üblich ist die Künstlerin allerdings nicht persönlich vor Ort. Zugegen ist vielmehr – vertieft in eine simple Tätigkeit oder blossen Zeitvertreib – ihr Alter Ego: die Kunstfigur Zilla, kurz Z.
Nur gedacht bewohnbar sind auch die jeweiligen Räume. Sie sind Teil der medienübergreifenden Werkreihe «Apartment», welche die Künstlerin 2004 mit der Ausstellung «Wishful Thinking» in der Fundació La Caixa in Barcelona begonnen und schrittweise zu einer anskizzierten Wohnumgebung ausgebaut hat. So folgen auf «Corridor», «Office» und «Living Room» (alle 2004) zunächst «Kitchen» und «Bedroom» (beide 2005) sowie schliesslich «Bathroom» (2006). Damit ist der Zyklus praktisch komplett und noch im selben Jahr in der Ausstellung «Wichtiger Besuch» im Saarlandmuseum in Saarbrücken in Form eines später immer wieder spielerisch variierten offenen Grundrisses zu begehen. Als kleiner, intellektueller Luxus, fehlt einzig noch ein Raum mit Bücherwand: Zillas «siebtes Zimmer».
Während jeder Raum seine eigene Atmosphäre und Wichtigkeit besitzt, hat der Leseraum also insgeheim den Rang des Herzstücks. Auch hat die Künstlerin hier ihre gestalterischen Mittel besonders umfassend kombiniert. Zunächst einmal ist da die Zeichnung des Bücherregals, die mithilfe eines Beamers direkt auf die Wand des realen Raums aufgebracht wird und den primären Zweck des künstlerisch umrissenen Raums definiert. Jedes Mal neu und in Details auch stets etwas anders, zeigt sie das wuchtige Möbel in einer kühnen, dynamischen Perspektive, so dass es je nach Blickwinkel frei zwischen Boden und Decke zu schweben oder die Wand des Ausstellungsraums jäh zu durchstossen scheint. Bücher und Ordner liefern die Lektüre. Vasen, Fotorahmen und weitere Objekte, alle gleich lapidar gezeichnet, signalisieren, dass es sich um eine private Wohnwand handelt und keinesfalls um eine öffentliche Bibliothek.
Auf den gleichen wohnlichen Charakter zielt auch das weitere Mobiliar. Ein kürzelhafter Kamin, der an der Wand oder frei platziert werden kann, erweitert die Zeichnung um ein skulpturales Moment. Brennholz und leises Knistern ab Band stützen die Andeutung synästhetisch. Zwei Designklassiker bringen ferner die Vorstellung stilsicherer Einrichtung ein: ein Lounge Chair von Charles und Ray Eames (1956) sowie eine Stehleuchte, Modell AJ, von Arne Jacobsen (1957). Zilla Leutenegger hat die beiden Objekte, wie sie sagt, wegen der fast vokabelhaften Selbstverständlichkeit gewählt, mit welcher sie diese Idee formulieren. Beim Sessel schätzte sie zudem den Eindruck eines gegen die Lehne drückenden Gewichts, ohne dass jemand in ihm sitzt. Der Grund dafür liegt beim zweiten Hauptelement der Installation: Diesen Platz hat die Künstlerin nämlich Z, ihrem Alter Ego zugedacht.
Auf die für sie so typische, generische Weise projiziert sie den Schattenriss ihres eigenen, halb in die Sitzschale versunkenen, grafisch aber weitgehend freigestellten Körpers über dem Schatten des realen Sessels als bewegtes Videobild an die Wand. Nach demselben Schema, nur in hell, wird die Situation von der Videozeichnung um einen Lichtkegel ergänzt, der sich mit dem Schattenwurf der realen Lampe verbindet.
Wie die meisten von Zilla Leuteneggers Räumen entwirft das so evozierte abendliche Setting einen Rückzugsort, einen Ort der Ruhe. Off Hour. 9 p.m. Ebenso wirkt es als Möglichkeitsraum, als metaphorische Leerstelle, die von uns allen mit Z in der Rolle einer Projektionsfigur im doppelten Sinn mit den imaginierten Inhalten der Lesestoffe und weiteren Geschichten belebt werden kann. Dabei hat nota bene auch die Arbeit als solches ein Postskriptum: Zum einen konstituiert sich «Library» als Teil verschiedener Sammlungen – darunter der vollständige Münchner Zyklus, ehemals Sammlung Goetz – in wechselnden Kontexten kontinuierlich neu. Zum andern besitzt der Leseraum seit 2022/23 in «Letters and Numbers» – einer Bücherwand, die als installativ ergänztes Wallpaper für die Schau «The Spiral Stair to Planta1» im gleichnamigen Art Space in Madrid entstanden ist – ein prall bestücktes Nachfolgewerk.
Astrid Näff, 2026