10, Sammlung Leuenberger, Bern
15, Galerie Loeb, Bern
Im Jahr 1969 versammelte der Schweizer Kurator Harald Szeemann in der Kunsthalle Bern 69 Künstlerinnen und Künstler aus Westeuropa und den USA. Gezeigt wurden 127 Arbeiten, von denen zahlreiche direkt vor Ort entstanden. Darunter waren Künstler wie Joseph Beuys, Eva Hesse, Richard Serra, Mario Merz, Robert Smithson, Bruce Nauman und Lawrence Weiner, die heute zu den prägenden Positionen der Nachkriegskunst zählen. Viele von ihnen standen damals noch am Anfang ihrer Karriere.
Bereits der Titel der Ausstellung «Live in Your Head – When Attitudes Become Form. Works, Concepts, Processes, Situations, Information» markierte einen wichtigen Wandel in der Ausstellungspraxis: Nicht mehr das fertige Objekt stand im Zentrum, sondern der künstlerische Prozess, die Handlung, das Material und die Idee. In Szeemanns Worten hatten die Künstlerinnen und Künstler «die Institution übernommen» und begannen, deren räumliche Bedingungen neu zu definieren: Lawrence Weiner entfernte drei Quadratmeter Wandfläche, Michael Heizer zerstörte mit einer Metallkugel den Bürgersteig, Richard Serra zeigte ein «Splash Piece» aus geschmolzenem Blei. Richard Long verliess den institutionellen Rahmen und unternahm eine Wanderung in den Schweizer Bergen. Die Kunsthalle wurde damit vom Ort der Präsentation zum Ort der Produktion und zum künstlerischen Gemeinschaftsraum.
Diese neue Form der Ausstellung stiess auf heftige Ablehnung. «Wenn Banalitäten Form annehmen», «Sabotage im Kunsttempel» oder «Ist die Kunst endlich tot?» lauteten einige der Schlagzeilen in den lokalen Zeitungen. Szeemann geriet zudem wegen der grossen Zahl ausländischer Kunstschaffender in Konflikt mit dem Kuratorium der Kunsthalle Bern und gab nach der Ausstellung seine Direktorenstelle auf. Dieser Bruch wurde zum Wendepunkt: Szeemann arbeitete fortan als unabhängiger Kurator und prägte ein neues Verständnis kuratorischer Arbeit. Im selben Jahr gründete er die «Agentur für geistige Gastarbeit». Der Begriff war eine Anspielung auf die ausländischen «Gastarbeiter» in der Schweiz und zugleich eine politische Provokation. Formal ein Ein-Mann-Unternehmen, arbeitete die Agentur mit einem Team zusammen, das Ausstellungen gemeinsam plante und umsetzte.
1970 wurde die legendäre Ausstellung selbst zum Gegenstand eines Kunstwerks. Die Installation «Live in Your Head – When Attitudes Become Form» (1970), die 2022 in die Sammlung des Aargauer Kunsthauses gelangte, entstand als Gemeinschaftsarbeit von Harald Szeemann (1933–2005), Jean-Frédéric Schnyder (1945), Balthasar Burkhard (1944–2010), Markus Raetz (1941–2020) und Alfred Wey. Die Arbeit besteht aus einer Plakatmontage auf Holz, einer Leuchtstoffröhre, einem Transistor, einer Stahlkette und einem Stahlständer. Die Angaben zur Edition benennen die Beiträge der Beteiligten und betonen die kollektive Arbeitsweise: Idee: Agentur für geistige Gastarbeit H. Szeemann; Kontakte: Markus Raetz; Foto: Balthasar Burkhard; Neon: Alfred Wey; Abschrankung: Jean-Frédéric Schnyder. Das Werk erinnert damit nicht nur an die Ausstellung von 1969, sondern auch an einen Moment, in dem sich das Verständnis von Kunst, Ausstellung und kuratorischer Arbeit grundlegend veränderte.
Lilija Monkevič, 2026
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