Öl auf Sperrholz, 30 x 30 cm
Nach ihrer Ausbildung zur Bildhauerin an der Schule für Gestaltung in Luzern beginnt Gabi Fuhrimann (1958 – 2021) als freischaffende Künstlerin zu arbeiten. Unter dem Akronym „Furyherz“ entsteht ab 1989 eine künstlerische Zusammenarbeit mit Christian Herter, bei der das Medium der Zeichnung in den Fokus rückt. Als Fuhrimann 1991 vom Aargauer Kuratorium ein Atelierstipendium in Paris erhält, beginnt sie zu malen.
Fuhrimann erweist sich als virtuose Komponistin von Farbe, Ornament, Figur und Bildraum. Dabei mag ihr beruflicher Hintergrund als Bildhauerin die „Bauweise“ ihrer Bilder mitgeprägt haben. In zahlreichen Werken verzahnt sie geometrische Farbelemente mit figurativen Motiven zu Bildgefügen an der Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Zuweilen lösen sich die strikt geordneten Formen auf und werden zu dynamisch flirrenden Landschaften und surrealen Traumwelten. Meist sind es Einzelfiguren – vornehmlich Frauen – die sich in die Bilder hineinbewegen, oder aus ihnen herausblicken. Wir sehen den Damen beim Nachdenken, Lesen, Tanzen und Posieren zu. Dabei lassen sie sich nicht immer eindeutig dem Vorder- oder Hintergrund zuordnen. Zuweilen werden sie regelrecht von den gemusterten Hintergründen durchdrungen. Die mosaikartig arrangierten Farbfelder fliessen in Bekleidungsstoffe über und werden zu Tapeten, in denen sich die Protagonistinnen chamäleonartig aufzulösen scheinen. Die Wahl des Bildträgers – zumeist kleine, hölzerne Bildtafeln – laden dazu ein, die Bilder aus der Nähe zu betrachten. Dieses Moment der Intimität mag uns an das Studium von Andachtsbildern erinnern.
Auch beim vorliegenden Gemälde handelt es sich um ein quadratisches Kleinformat, von dem eine starke Sogwirkung ausgeht: Farbig leuchtende Rechtecke und Dreiecke fügen sich zu Kreisen, die sich ineinander geschachtelt zur Mitte hin verengen. Der Vergleich mit einer Zielscheibe liegt nahe und wird durch die rothaarige Frau in der rechten Bildhälfte gestärkt: deren Arme gebärden sich nämlich, als würden sie einen Pfeilbogen spannen. Dabei verschmilzt die Figur partiell mit ihrem Hintergrund, dessen Rautenmuster durch ihre weisse Kleidung hindurchschimmert. Ihr Kopf, ihre Unterarme und Füsse sind hingegen von satter Farbigkeit und scheinen damit klar dem Vordergrund zugehörig.
Ähnlich wie bei der Betrachtung einer Skulptur, bei der die räumliche Situation unweigerlich in die Wahrnehmung miteinfliesst, zeigt auch Fuhrimann den Menschen in direkter Beziehung zu seiner Umgebung. Durch den vorwiegende Verzicht auf landschaftliche Details, präzis ausgearbeitete Gesichtszüge oder Accessoires, rückt der Mensch an sich – als Teil von Natur, Stadt, Innen- oder Imaginationsraum – in den Fokus. Die Bildfiguren werden zu Projektionsflächen oder gar zu Identifikationsfiguren von uns selbst.
Julia Schallberger, 2026