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Valérie Favre, Pferd im Wald, 2022
Öl auf Leinwand, 145 x 89 cm
Aargauer Kunsthaus, Aarau
Fotocredit: Jens Ziehe

Menschliche Figuren, Hasen, Kakerlaken oder eben auch Pferde wie in „Pferd im Wald“ sind Teil von Valérie Favres (*1959) fantasievollen bildlichen Narrationen. Sie tauchen in den Gemälden der Westschweizer Künstlerin häufig als hybride Mischwesen oder in Form von Masken, Marionetten oder Kostümen auf. Mit ihrer metamorphischen Natur sprengen sie Hierarchien und dualistische Gegensätze wie etwa Mann/Frau, Kultur/Natur oder Realität/Fantasie. Doch nicht nur die vielen unterschiedlichen surrealen Fabelwesen und seltsamen menschlichen und tierischen Erscheinungen, die Favres malerisches Werk bevölkern, sondern auch Favre selbst lässt sich als Künstlerin nicht von festgelegten Kategorien einschränken. Die Autodidaktin lehrt seit 2006 als Professorin und als erste Frau Malerei an der Universität der Künste Berlin, selbst besucht sie jedoch nie eine Kunsthochschule. Vor ihrer Kunstlaufbahn arbeitet Favre als Schauspielerin und Bühnenbildnerin, Erfahrungen, die auch ihre heutige Tätigkeit prägen und sich in der narrativen und theatralen Darstellungsart niederschlagen. Als feministisch gelesene Künstlerin entzieht sie sich der Erwartung, dass „weibliche Malerei“ hübsch und gefällig zu sein habe: „Die Malerei ist eine Art und Weise, die Welt radikal zu denken. Sie gibt mir den Raum, immer neue Fragen zu stellen. Kunst ist nicht gemütlich!“.

Favres zauberhafte Kreationen konzentrieren sich oft auf düstere, ja gar makabere Aspekte aus der Kunstgeschichte und Literatur. In ihrer während 10 Jahren entstandenen Serie „Suicide“ dokumentiert und inszeniert sie in 129 kleinformatigen Ölmalereien unterschiedliche Szenarien des Selbstmords von realen oder fiktiven Persönlichkeiten. 33 der Gemälde werden im Jahr 2021 in die Sammlung des Aargauer Kunsthaus aufgenommen. Mit „Pferd im Wald“ kommt 2024 eine grossformatige Ergänzung hinzu, die nicht weniger unheimlich wirkt. So zeigt das Pferdebild nicht etwa eine kräftige, elegante Stute vor saftig grünen Bäumen und Wiesen, wie sie die Ölmalerei des 19. Jahrhunderts kennzeichnet, sondern einen geisterhaft angedeuteten, unscharf gezeichneten Pferdekopf, der uns in hell-, fast grellweisser Farbe frontal entgegenblickt. Nur schmale, kühlblaue vertikale Linien trennen uns von seinem bedrohlich nah wirkenden, rötlich umrandeten Blick.

Das Pferd, seit Jahrtausenden ein treuer Begleiter der Menschen, gilt in der Kunstgeschichte traditionellerweise als positiv besetztes Symbol von Kraft, Freiheit und Schönheit, aber auch von Reichtum, Herrschaft und domestizierter Natur. Favres Komposition mag letzteres thematisieren, ruft jedoch widersprüchliche Assoziationen hervor. Die blauen Balken, die aus einem ebenfalls blauen unebenen Untergrund zu spriessen scheinen, erinnern tatsächlich weniger an Bäume als an die starren Gitterstäbe einer Box. Das blasse, ungesund und trotz seiner Gefangenschaft bedrohlich wirkende Tier wird weder dem Topos von Freiheit und Kraft gerecht, noch entspricht es dem verherrlichten Bild einer Natur, die sich der Kultur dienend ergeben hat. Eher scheint der Schimmel uns mit seinem direkten und geheimnisvollen Blick auf etwas aufmerksam zu machen, was wir Menschen in unserer Überheblichkeit noch nicht erkannt haben. Versucht er, uns das Leid seiner Instrumentalisierung durch den Menschen aufzuzeigen oder verbirgt sich hinter seiner bedrohlichen Gestalt ganz im Gegenteil der Ausdruck einer Natur, die sich letztlich der Kontrolle und Erziehung durch den Menschen verweigert? Wie lange noch kann sich der Mensch über die Natur stellen, bis er die Konsequenzen seines Handelns unweigerlich zu spüren bekommt?

Renée Schwerzmann, 2025

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