1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 20'23''
Mit zwei Köpfen wacht Helvetia über ihr Reich: einer blind, doch alles hörend, der andere taub, doch mit roten Laseraugen alles sehend. So beginnt die Erzählung im Video „Le Mi-racle d’Helvetia“ (2022; deutsch: „Das Wunder der Helvetia“) von Guerreiro do Divino Amor (*1983). Erstmals gezeigt wurde die Arbeit in der gleichnamigen dreiteiligen Rauminstallation im Centre d’Art Contemporain Genève. 2025 installierte do Divino Amor sein Schweizer Kapitel des „Superfictional World Atlas“ im Aargauer Kunsthaus für die Aus-stellung „Modell Neutralität“. Das Video wurde anschliessend für die Sammlung erworben.
Bereits im Titel angelegt ist das Staunen, das beim Betrachten einsetzt: Wurde dieser Clip der damaligen Bundesrätin Simonetta Sommaruga (*1960) tatsächlich mit idyllischer Al-penkulisse im Hintergrund publiziert, oder gehört dieser „Kitsch“ zu den Verfremdungen des Künstlers? Betrachtende mögen sich auch über die Amateurhaftigkeit der Animationen wundern, die in dichten Tableaus über die Herrschaftsgebiete der elf Göttinnentöchter (Scopula, Friedena, Gudruna, Calvina, Ævuma, Desideria Remotta, Seminatora, Silentia, Kulma und Diewiesa Æterna) eines fiktiven helvetischen Olymps berichten. Diese gewollt überspitzte Laienhaftigkeit durchzieht das gesamte Werk des brasilianisch-schweizerischen Künstlers. Sie mündet im Gefühl einer Entzauberung gewaltvoller Magie, mit der Kolonia-lismus und Imperialismus wirtschaftliche Überlegenheit konstruieren.
Ausgehend von den Beziehungen der Schweiz zum Amazonasgebiet bleibt der gelernte Architekt nicht nur seinen geografischen Wurzeln treu: Do Divino Amor skizziert eine wun-dersame Landschaft der Desillusion entlang klischeehafter und überhöhter Heimatverbun-denheit. Dabei wird bewusst mit der Inszenierung von Selbstwahrnehmung und Aussen-perspektive gespielt. In einer Szene werden wir an den Karneval in Rio mitgenommen, bei dem ein Reporter das Türchen eines Safes aus Pappmaché öffnet, den sich ein Tanzender über den Kopf gestülpt hat. Zum Vorschein kommt ein strahlend goldglänzendes Gesicht mit einem Lachen, das die Gräben extraktiver Handelsbeziehungen zu vergessen scheint. Auch an den Paradeplatz führt die Reise – „ins schönste Gebäude am schönsten Platz der wohl schönsten Stadt der Schweiz“, wie sich der damals oberste Chef der Credit Suisse in der Zeitschrift Schweizer Familie 2014 zitieren liess. Dort lassen Do Divino Amors Protago-nistinnen im Innenhof der heutigen UBS ihre Hände unheilvoll durch das Wasser in Silvie Defraouis (*1937) „Wunschbrunnen“ gleiten. Wo Lebensfreude auf technisch-sterile Super-lative trifft, tritt ein tragikomischer Humor zutage. „Le Miracle d’Helvetia“ lässt das Bild der Schweiz in hunderte buntschillernde Scherben aufbrechen. Der Künstler überlässt es uns, sie auf kritisch sinnvolle Weise zusammenzusetzen.
Bassma El Adisey, 2026