Ölfarbe und Siebdruck auf Papier, 154.8 x 114.6 x 4 cm
Pia Fries’ Malerei stellt uns eine Frage, noch bevor unser Blick ganz beim Bild ankommt: Was ist Farbe, wenn sie nicht länger Farbe sein will? Seit den späten 1980er-Jahren gehört Pia Fries (*1955, Beromünster) zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen Malerei. An der Kunstakademie Düsseldorf bei Gerhard Richter ausgebildet, entwickelte sie früh eine eigenständige künstlerische Position. Im Zentrum ihres Schaffens steht die Eigenwertigkeit der Farbe – nicht als blosses Mittel der Darstellung, sondern als Material und Bildgegenstand zugleich.
Die Grundlage ihrer Bilder bilden meist dicke, mit weisser Kreide grundierte Holzplatten oder Papier. Auf diesen Trägern formt Fries die Farbe mit Spachteln, Kämmen oder direkt aus der Tube zu dichten, reliefartigen Strukturen. Sie giesst, drückt, knetet, hebt Bildkörper an, setzt Stösse, um Bewegung in die Farbmassen zu bringen. Verdichtete Farbzonen treffen auf offene Partien, in denen der helle Grund sichtbar bleibt. Weissräume wirken wie Atempausen und werden zu einem aktiven Bestandteil des Bildes. So entstehen dynamische Gefüge, in denen Farbe Raum, Tiefe und Rhythmus erzeugt. Werke wie «Ohne Titel (f / f + f / f)» oder «Ohne Titel (Nr 64)» (2000) führen diese körperliche Präsenz exemplarisch vor Augen.
Seit 2000 integriert Fries den Siebdruck als zusätzliches Bildelement. Linien aus Kupferstichen, botanischen Illustrationen oder fotografierten Details eigener Malerei durchziehen die Komposition, werden überlagert und partiell wieder freigelegt. Dabei entsteht ein produktiver Bruch zwischen gestischer Setzung und reproduzierter Spur. Frühe Siebdruckmotive wie Ohr oder Muschel – etwa im Diptychon «Ohne Titel (f / f + f / f)» (2000) – lösen sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung und behaupten sich als autonome Formen im Bildgefüge.
Besonders deutlich wird dieses Zusammenspiel von druckgrafischer Linie und körperlicher Dynamik der Farbe in den Werken, die 2025 als Schenkung in die Sammlung des Aargauer Kunsthaus gelangten, darunter «Ohne Titel (B3)», «Ohne Titel (B6)» und «Ohne Titel (K8)» (alle von 2002). Die grossformatigen, zweiteiligen Arbeiten auf Papier hinterfragen die Flächigkeit des Bildes. In «Ohne Titel (K8)» zitiert der Siebdruck eines fotografierten Farbhaufens die eigene Malerei und öffnet zugleich einen Bildraum zwischen Materialität und Illusion. Drapierte Krepp-Papierformen und lineare Strukturen – etwa in «Ohne Titel (B3)» und «Ohne Titel (B6)» – erweitern dieses Spannungsfeld. Nur vereinzelt gesetzte Schnittmarken verweisen auf den druckgrafischen Ursprung, während die Farbe als physische Präsenz alles zusammenhält.
Fries’ Interesse gilt dabei nie einem eindeutigen Narrativ. Neben poetischen Titeln wie «Deutsche Blumen» verwendet sie offene Bezeichnungen wie «Ohne Titel (B6)», die weniger Deutung festlegen, als Orientierung innerhalb einer Werkgruppe bieten. Im Zentrum steht die unmittelbare Erfahrung der Malerei – ihre Materialität, ihr Widerstand, ihre Energie. Farbe erscheint nicht als Illusion, sondern als Präsenz.
So befragt jedes dieser Bilder uns aufs Neue: Was wäre, wenn Malerei nicht repräsentiert, sondern unmittelbar existiert?
Lilija Monkevič, 2026