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Johannes Robert Schürch, Zwei Musikanten, o. J.
Aquarell und Tusche auf Papier, 40 x 26.8 cm
Aargauer Kunsthaus / Schenkung der Erica Ebinger-Leutwyler Stiftung, 2025

Fast 50 Jahre nach der Retrospektive von Johannes Robert Schürch (1895–1941) im Aargauer Kunsthaus rückt das Museum sein eindringliches Werk 2024 erneut in den Fokus. Anlässlich der Ausstellung gelangen elf Werke als Schenkung der Erica-Ebinger Leutwyler Stiftung in die Sammlung. Die Neuzugänge bilden eine wertvolle Ergänzung zum bestehenden Bestand, der einen Schwerpunkt in der Sammlung auf Papier bildet.

Nebst einem Blatt mit Kopf- und Körperstudien umfasst die Schenkung expressive Feder- und Tuschzeichnungen sowie Aquarelle, die Einblick geben in zentrale Themen von Schürchs Schaffen: Armut, Unterdrückung und Tod sowie das Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Die meist undatierten Blätter lassen sich aufgrund des skizzenhaften Strichs und der weichen, fliessenden Linien Schürchs künstlerischer Hochphase der 1920er- und frühen 1930er-Jahre zuordnen. In dieser Zeit entwickelt er, zurückgezogen in einem entlegenen Waldhaus in Monti bei Locarno, eine freiere Bildsprache, die in ihrer expressiven Spontaneität heute als Höhepunkt seines Schaffens zählt. Diese formale Befreiung zeigt sich auch im meist nur skizzierten oder in abstrahierten Flächen angedeuteten Bildraum. Die Werke leben von Hell-Dunkel-Kontrasten sowie der Verbindung von feiner Federführung, kraftvollen Linien und dünn aufgetragener Tusche oder Aquarellfarbe. Darin findet Schürch zu jener unverwechselbaren Handschrift, in der sich inhaltliche Dringlichkeit und formale Eigenständigkeit verschränken.
1926 schreibt Schürch: «Ich suche in jeder Hinsicht zur Tiefe zu kommen», und nähert sich zeichnerisch den Abgründen der menschlichen Existenz. Strassenszenen oder Darstellungen aus dem Wirtshaus und dem Bordellmilieu zeigen gebeugte Körper und in sich gekehrte Blicke. Zusammen mit den erdigen Tönen ist allen Blättern eine melancholische Grundstimmung eigen – selbst der zarten Mutter-Kind Darstellung, einem universellen Sinnbild für menschliche Verbundenheit. Einem tradierten Motiv der Kunstgeschichte – dem Totentanz –, bedient sich der autodidaktische Künstler auch mit den zwei musizierenden Skeletten und verarbeitet hier stilistische Impulse des Expressionismus. Die Auseinandersetzung mit dem Tod prägt sein Werk im Kontext der Zwischenkriegszeit und persönlicher Verlusterfahrungen.
In den Landschaftsbildern tritt der Mensch motivisch zurück. Diese Werke sind Experimentierfeld für künstlerische Ausdrucksformen und zugleich Projektionsfläche innerer Stimmungen. Expressive Pinselstriche formen Bäume zu markanten Strukturen und spiegeln Einsamkeit und Unruhe. Auch Schürchs visionäre Traumwelten erzeugen eine beklemmende Atmosphäre, wenn Motive geisterhaft aus dem schwarzen Bildgrund hervortreten.

Die Neuzugänge veranschaulichen Schürchs schonungslose Hinwendung zur Conditio humana. Wo Erfahrungen von Endlichkeit und Verletzlichkeit als ebenso grundlegend für das Menschsein erscheinen, wie das tiefe Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit.

Nicole Rampa, 2026

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