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Daniel Spoerri, Spiegelobjekt - Multiplicateur d'Art, 1964
Mirror,
Aargauer Kunsthaus / Schenkung Nachlass Sammlung HAK, 2025
Copyright: ProLitteris, Zürich
Fotocredit: Ullmann Photography (Timo Ullmann)

Beim Betrachten des Spiegelobjekts von Daniel Spoerri (1930–2024) eröffnet sich ein schwebendes Sammelsurium. In einem Kaleidoskop begegnen sich Alltagsobjekte wie Mikadostäbe, Kochlöffel und Büroklammern. Sie widersetzen sich den Regeln der Schwerkraft – beispielhaft für die bekannten «Fallenbilder» («Tableaux pièges»). Mit diesen wurde der als Daniel Feinstein in Rumänien geborene Künstler weltberühmt: Verlassene Esstische, auf denen er Essensreste, Besteck, Couverts oder Gläser fixierte und anschliessend in die Vertikale überführte. Durch diesen Eingriff erklärte Spoerri Alltagsgegenstände zu Kunstwerken.

Beim «Spiegelobjekt – Multiplicateur d’Art» (1964) geht er noch einen Schritt weiter: Indem er den Spiegel als Bildgrund nutzt, erweitert er den Raum ins Unendliche. Auf zwei durch ein Scharnier verbundenen Spiegeln sind Objekte festgeklebt. Wie bei den «Tableaux pièges» befinden sich auch hier Spielzeuge, Büromaterialien und Küchenutensilien wortwörtlich in einer Falle. Eine scheinbar willkürlich arrangierte Konstellation, eine Momentaufnahme wurde ins Skulpturale überführt und damit verewigt. Spoerri kombiniert Eisen, Holz und Plastik zu einer vielfarbigen Assemblage. Er vermittelt dadurch die Gleichwertigkeit unterschiedlichster Materialien.

Der Titel «Multiplicateur d’Art» verrät, dass das Werk Teil einer Serie ist. Insgesamt existieren 100 ähnliche Spiegelobjekte. Das Vorliegende trägt die Nr. 46. Es verortet sich im Kontext von Spoerris Tätigkeit als Kunstverleger zu Beginn der 1960er-Jahre. 1959 gründete er die Edition MAT, die erste Edition vervielfältigter dreidimensionaler Werke. Sein Ziel war es, Werke von bekannten und unbekannten Kunstschaffenden zu erschwinglichen Preisen einer breiten Käuferschaft zugänglich zu machen. Alle Werke kosteten gleichviel und erschienen in Auflagen von höchstens 100 Exemplaren. So stellte Spoerri die Regeln des Kunsthandels infrage und befeuerte damit die Idee von einer demokratischen Kunst.

Das Spiegelobjekt gehört zur zweiten Kollektion der Edition MAT 64, an der Künstler:innen wie Jean Arp (1886–1966) und Niki de Saint Phalle (1930–2002) beteiligt waren. Zusammen mit dem Grafiker Karl Gerstner gab Spoerri diese heraus. Der Kölner Galerist Hein Stünke übernahm Produktion und Vertrieb der Werke über seine Galerie «Der Spiegel».

In Abgrenzung zu Marcel Duchamps (1887–1968) Ready-mades sprach Spoerri bei seinen Assemblagen von ganzen «Situationen», die er zu Kunst erklärte. Diese beinhalten unvorhersehbare Ausschnitte aus dem Alltag wie ein Abendessen mit Freunden. Bezeichnend scheint hier Spoerris Aussage: «Handlanger des Zufalls, das könnte meine Berufsbezeichnung sein.»

Ein Jahr nach dem Tod des Künstlers gelangte das Spiegelobjekt als Schenkung in die Sammlung des Aargauer Kunsthauses und ergänzt Sammlungswerke wie «Variations d’un petit déjeuner» (1966) oder «La Pharmacie Bretonne» (1981).

Franziska Fellner, 2026

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