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Mario Sala, Wild Bunch, 2002
Digitaler Öldruck, Klebmasse, Öl und Tusche auf Aluminium, 256 x 548 cm
Aargauer Kunsthaus / Ankauf, 2023
Copyright: Mario Sala
Fotocredit: Ullmann Photography (Timo Ullmann)

Über die Jahre hat das Aargauer Kunsthaus eine Reihe bedeutender Werke von Mario Sala (*1965) aus den verschiedensten Schaffensphasen und in einer repräsentativen medialen Vielfalt gesammelt. Eines davon ist das 2023 angekaufte Panoramaformat „Wild Bunch“, entstanden 2002. Die eindrucksvollen Proportionen des Werks – stolze fünfeinhalb Meter Breite bei einer Höhe von zweieinhalb Metern – lassen an Kinoleinwände denken. Nicht ohne Grund, denn Sala hat die Figuren dem Kultwestern „Sie kannten kein Gesetz“ des US-amerikanischen Regisseurs Sam Peckinpah aus dem Jahr 1969 entliehen. Ebenfalls auf das Werk übergegangen ist der englische Originaltitel des Films.

In „The Wild Bunch“ schildert Peckinpah in einem kompromisslosen Anti-Hollywood-Stil die von Habgier, Verrat und menschenverachtender Skrupellosigkeit angetriebenen Konfrontationen mit lokalen Akteuren, denen sich eine herumräubernde Truppe von Yankee-Outlaws im Grenzgebiet der USA und Mexiko ausgesetzt sieht. Exzessiv inszenierte Gewalt begleitet die Handlung, gipfelnd in einem legendären Shoot-out. Von der Fachwelt für ebendiese Gewalt zum einen kritisiert, zum anderen sowohl in Bezug auf die Mexikanische Revolution als auch implizit zum Vietnamkrieg für den Mut zum Hyperrealismus gefeiert, gilt der Film heute in vielerlei Hinsicht als genreüberwindend respektive erneuernd.

Mario Sala hat sich mit diesen und weiteren inhaltlichen Ebenen des Films, den er als Jugendlicher erstmals gesehen hat, selbstredend befasst. Lakonisch verknappt er die Handlung indes zur Aussage, die zusehends dezimierte Truppe reite in dem beinahe zweieinhalbstündigen Film vor allem herum. Diesen Eindruck, der auch mit den Stereotypen des Genres spielt, verarbeitet er, indem er mehrere solche Sequenzen, die er vom Bildschirm seines Fernsehgerätes abfotografiert hat, zu einer Mehrfachszene addiert. In der Vorgehensweise knüpft er damit an seine bewährte Praxis an, mit Material aus dem täglichen, von den Informations- und Unterhaltungsmedien kanalisierten Bilderstrom Ausgangsfelder oder, so Sala, „Orte“ für neue Storylines zu schaffen.

Auch „Wild Bunch“ bietet diese ergebnisoffene Einladung, das Geschehen eigenständig fortzudenken – Kopfkino quasi. Angelehnt an innovative Features von Peckinpahs Film, lässt sich das Wer, Was, Wo und Wie-Weiter aber auf Fragen der Machart ausdehnen. Gerade bei Salas Bildobjekten ist auch dies ein typisches Merkmal der oft aus ungewohnten Werkstoffen oder mittels komplexer Mischtechniken realisierten Arbeiten. Im Fall von „Wild Bunch“ hat Sala dabei zunächst auf eine ebenfalls schon erprobte Methode zurückgegriffen, indem er die Bildstreifen – grossformatige Digitalprints nach den vom Fernsehbildschirm aufgenommenen Analogfotografien – über einer Schicht aus Dispersion und Flüssigkleber auf Aluminiumpaneele aufgezogen hat. Die bräunliche, körnig-sandige Qualität der mit ölbasierter Druckerfarbe gefertigten Prints – eine Weiterentwicklung des als fotografisches Edelverfahren geltenden Öldrucks – mischt sich dabei aufs Schönste mit der staubigen Atmosphäre, welche die Pferdehufe bereits auf dem Filmset erzeugten, und dem leichten Rauschen des Fernsehsignals. Im Zusammenspiel mit der räumlichen Staffelung der diversen Reitergruppen ergibt sich daraus die Wirkung einer Zoomeinstellung aus grosser Distanz. Darin liegt eine erste technische Parallele zu Peckinpah, der zum Teil mit Telelinsen hat filmen lassen. Die zweite liegt im Gebrauch anamorphotischer Linsen, einer Kameraoptik, die das Bild, statt es räumlich zu verflachen, seitlich komprimiert. Auch Sala hat seine Ausgangsfotos digital verschlankt, was den Figuren ihre Überlänge gibt. Die Szene weiter verrätselnd, hat er überdies mit rot kolorierten Hemden und einzelnen Federkronen die klarsten Akzente im Hintergrund gesetzt sowie im Vordergrund aus vielen Schichten schwarzer Tusche eigentümliche Strukturen geschaffen. Last, but not least erzeugt ein horizontal über die ganze Fläche gelegtes Band einer Bildstörung gleich ein Bewusstsein für die Konstruiertheit der ansonsten überwältigenden Szene. Flirrend und flimmernd, wie eine Fata Morgana, scheint die herantrabende oder galoppierende „wilde Horde“ dahinter in einem Zustand gleichzeitiger An- und Abwesenheit gefangen. Ein Zustand, für den der Philosoph und Medienanalytiker Paul Virilio hinsichtlich des Kollabierens von Raum und Zeit in Echtzeitmedien einst den stimmigen Begriff des rasenden Stillstands geprägt hat.

Astrid Näff, 2026

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