75.5 x 75.5 x 6.5 cm
Shizuko Yoshikawa (1934 – 2019) gehört zu den eigenständigsten Positionen der konkreten und konstruktiven Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Geboren in Ōmuta (Japan) und ausgebildet in Anglistik, Architektur und Gestaltung in Tokio, suchte sie früh den Dialog mit westlicher Formensprache. 1961 wechselte sie an die Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo sie die Prinzipien analytischer Gestaltung verinnerlichte und Josef Müller-Brockmann, einen ihrer Mentoren und damals weltweit erfolgreichen Grafiker, kennenlernte. Mit ihm verband sie später eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft.
Yoshikawas Werk entfaltet sich wie ein poetischer Dialog zwischen Struktur und Sinnlichkeit. In seriellen Anordnungen von Linien, Quadraten und Farbabstufungen entstehen visuelle Rhythmen, die sich zu meditativen Bildgefügen verdichten. Zwischen 1976 und 1984 entwickelte Yoshikawa einen ihrer zentralen Werkkomplexe – die Farbschattenreliefs. In diesen Arbeiten aus Polyester- und Epoxidharz, wie etwa «Farbschatten No. 61» (1979), werden weisse geometrische Formen durch subtile Farbspiele und Lichtreflexionen zum Schweben gebracht. Die Farblinien erscheinen wie Lichtspuren im Raum – ein Effekt, der aus Yoshikawas komplexen Farbsetzungen entsteht, bei denen die seitlichen Flächen der Reliefquadrate in präzise abgestimmten komplementären Pigmenten bemalt sind und sich auf den weissen Deckflächen als irisierende Reflexe niederschlagen. So verbindet sie minutiöse handwerkliche Präzision mit einer verblüffenden Leuchtkraft, die das Sehen zugleich irritiert und schärft. Bereits hier zeigt sich ein Denken in Systemen, das nicht starr wirkt, sondern die Wahrnehmung sensibilisiert.
Parallel dazu entstehen die sogenannten «Netzstrukturbilder», in denen die Künstlerin ihre Reliefuntersuchungen in die Malerei überträgt. In seriell aufgebauten Gittern aus Tempera und Acryl – etwa in «z94», «z109» oder «z84» (1979) – entfaltet sich eine fein nuancierte Farbskala, häufig entlang diagonaler Spiegelachsen organisiert. Komplementärkontraste und minimale tonale Verschiebungen erzeugen optische Schwingungen, in denen sich die aufgetragene Farbe und ihre wahrgenommene Leuchtkraft durch das Verhältnis der benachbarten Farbfelder unterscheiden. In späteren Arbeiten verdichtet sich dieses Prinzip zu einem bewegten Gefüge, in dem die Fläche als pulsierendes Netz aus Beziehungen und Übergängen erfahrbar wird.
Um 1990 verdichtet Yoshikawa ihre Bildsprache in der Werkgruppe «Zwei Energien» zu einer eindringlichen Untersuchung von Spannung und Gleichgewicht. Werke wie «m173 quadrate in drehung no. 2» (1985), «z354 zwei energien studie 1B» und «m317 zwei energien – 11» (1990) kreisen um das Wechselspiel von nach aussen drängender und sich im Zentrum bündelnder Kraft. Die quadratische Bildform wirkt dabei wie ein energetisches Feld: Bewegung entsteht aus der Balance gegensätzlicher Impulse, die sich anziehen, abstossen und im Moment ihres Aufeinandertreffens ein fragiles Gleichgewicht halten. In ihrer stillen Konzentration erinnern diese Kompositionen an buddhistische Mandalas, in denen das Quadrat als Bild des Universums erscheint – ein Raum, in dem alles miteinander verbunden ist. Auch bei Yoshikawa wird das Zentrum zum Ort von Sammlung und Auflösung zugleich. So entstehen Bilder von grosser innerer Spannung: reduziert in der Form, getragen von einer beinahe kosmischen Vorstellung von Energie, Beziehung und fragilem Gleichgewicht.
Lilija Monkevič, 2026