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Teresa Hubbard Alexander Birchler, Gregor's Room III, 1999
Fotografie, C-Print, 220 x 180 cm
Aargauer Kunsthaus / Ankauf, 2000
Copyright: Teresa Hubbard / Alexander Birchler
Fotocredit: Hubbard Birchler

Warum nicht ein Bühnenset bauen? Diese Idee setzt sich beim amerikanisch-schweizerischen Künstlerpaar Teresa Hubbard (*1965) und Alexander Birchler (*1962) rasch einmal fest, als die beiden sich 1998 intensiv mit der Schilderung von Gregors Kammer in Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ auseinanderzusetzen beginnen. Wichtigstes Merkmal dieses Raums: Auf drei der vier Seiten ist er von Türen erschlossen; in der vierten Wand ist die Öffnung ein Fenster.

Anfänglich hätten sie nicht so recht gewusst, wohin das Projekt sie führen würde. Das Austesten wechselnder Perspektiven und Beleuchtungsszenarien setzt den Prozess dann aber in Gang. Einmal beschliessen Hubbard/Birchler dabei auch, das Set im Atelier zu verschieben, um es von oben zu fotografieren. Eine dieser Aufnahmen erklären sie 1999, Kafkas Gliederung in drei Akten folgend, zum dritten und letzten Teil ihrer Trilogie.

Der grossformatige C-Print zeigt den Raum ohne jegliche Möbel in einem Umbaumoment. Punkto Erzähllogik schliesst er damit gewissermassen nahtlos an die Videosequenz des zweiten Teils an, die um das Leerräumen der Kammer kreist. Statt des Möbelpackers ist nun ein Handwerker zu sehen, in wiederum neuer Besetzung. Wie sein Vorgänger scheint auch er eine Pause einzulegen: In warmem, von aussen einfallendem Licht, das Sonnenschein imitiert, sitzt er entspannt auf dem Boden.

Plausibel ist aber auch eine konträre Lesart: Abgenabelt vom Aussenraum sitzt der Mann inaktiv da, an eine der drei – allesamt geschlossenen – Türen gelehnt. Von der „sonnigen“ Stelle abgesehen, die im Atelier selbstredend mit Kunstlicht erzeugt wird, wirkt das Ambiente unbehaglich, klaustrophobisch. Die alten Fensterflügel sind ausgehängt und stehen genauso wie ein paar dünne Platten, die als herausgebrochene Teile der Zimmerdecke oder als Reste eines zerlegten Möbels gelten können, in einer Ecke. Draussen vor dem Fenster lagert derweil eine Ladung Backsteine auf einem Gerüst. Wird eine Trennwand eingezogen? Wird ein weiterer Raum in die Kammer, die selbst schon ein Raum im Raum ist, hineingebaut? Oder wird – welch beklemmende Vorstellung – zuletzt gar das Fenster vermauert?

Akribisch schaffen Teresa Hubbard und Alexander Birchler eine alles andere als zufällige Atmosphäre der Ambivalenz. Jedes Detail – von der laxen Pose des Protagonisten bis zum Kübel Wasser – wird darin zum Bedeutungsträger, über den das Narrativ der Trilogie, aber auch der Rückbezug auf Kafkas Dramahandlung verläuft. In dem Handwerker liesse sich demnach ein Alter Ego von Gregor sehen, der in seinem leergeräumten, immer seltener gereinigten Zimmer – „hie und da lagen Knäuel von Staub und Unrat“ – einsam ausharrt. Nun hat aber Kafka 1915, als „Die Verwandlung“ erstmals in Druck ging, unmissverständlich in einem Brief an seinen Verleger ausgeführt, dass Gregor nicht dargestellt werden solle und könne. Getragen vom bildhaften Schreiben des Autors spielt das Geschehen alleine im Kopf. So werden wir alle ein Stück weit zu Gregor, wenn wir von oben auf die Szene heruntersehen, als würden auch wir an Wänden und Decke herumkriechen. Darin liegt der Vorteil, dass sich aus diesem Blickwinkel besonders klar zeigt, wie der Raum strukturiert ist und was davon seine Wahrnehmung konditioniert. Man begreift, dass im Grunde das Zimmer der wahre Protagonist ist, so wie der Titel der Trilogie es auch signalisiert. Die Baustellensituation ist für Hubbard/Birchler dabei ein Ausdruck des Unsteten, ein Zeichen der kontinuierlichen Transformation, die sämtliche Werkteile durchzieht und selbstverständlich auch Kafkas Leitmotiv bildet. Im Schlussteil nimmt der Raum dabei sozusagen seine ureigenste Rolle an: den Part seines eigenen Making-of. Ob darin auch die Einladung liegt, sich die Trilogie als Loop zu denken und mit der Inszenierung von vorn zu beginnen?

Astrid Näff, 2026

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